Medikamente in der Kinder- und Jugendhilfe
Das Bundesforum führt gemeinsam mit der Universität Hildesheim das Projekt „MEDIJU – Medikamente in der Kinder- und Jugendhilfe“ durch. Das Projekt wurde von April 2024 bis April 2026 von der Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V. gefördert.


Die Medikation von jungen Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe wird gegenwärtig systematisch sowohl historisch aufgearbeitet als auch angesichts umstrittener aktueller Praktiken – so z.B. die Medikation von jungen Menschen durch den Kinder- und Jugendpsychiater Winterhoff – in Bezug auf Verfahren in der Gegenwart problematisiert. Das Kinderrecht auf bestmögliche Gesundheitsversorgung scheint im multiprofessionellen Zusammenspiel von besonderer Herausforderung zu sein. So sind die Perspektiven von Sorgeberechtigten, Erziehungsberechtigten, Ärzt:innen sowie jungen Menschen selbst im Hinblick auf deren Wohl zusammenzuführen.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie medikamentöse Behandlungen junger Menschen in Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe und Pflegefamilien praktiziert werden, welche Erfahrungen junge Menschen damit machen und wie transparente Verfahren etabliert werden können, die für die jungen Menschen nachvollziehbar sind und ihre Rechte verwirklichen. Diese Aufgabe stellt sich im Alltag der stationären Kinder- und Jugendhilfe mit ihren unterschiedlichen Akteur:innen in den jeweiligen Verantwortungsbereichen als besondere Herausforderung dar.
Im Mittelpunkt des Projektes stehen Akteur:innen, die am Verfahren und den Entscheidungen der Medikamentengabe bei Kindern und Jugendlichen, die in einer Wohngruppe oder Pflegefamilie (stationären Hilfe) leben, beteiligt sind. Somit adressieren wir die jungen Menschen mit ihren jeweiligen Sorgeberechtigten, Erziehungsberechtigten und Ärzt:innen, die in die Prozesse der Medikamentenvergabe involviert sind.
Im Zentrum stehen junge Menschen, die in einer Wohngruppe oder Pflegefamilie leben und Medikamente jeglicher Art nehmen/genommen haben (oder sich auch bewusst dagegen entschieden haben). Beispielsweise ist aus der Forschung bekannt, dass junge Menschen in stationärer Hilfe stärker psychisch belastet sind als Gleichaltrige. Dementsprechend sind Fragen von Psychopharmaka häufig relevant, wir möchten aber bewusst auch andere Medikamente und damit verbundene Fragestellungen in den Blick nehmen. Chronisch kranke Kinder und Jugendliche im Sinne von Einrichtungen und Pflegefamilien für sonderpädagogischen Pflegebedarf finden im Rahmen des Projekts keine Berücksichtigung.
Auf Grundlage einer Dokumentenanalyse sowie Interviews mit Sorgeberechtigten (Eltern und Vormund:innen), Erziehungsberechtigten (Betreuer:innen und Pflegeeltern), Ärzt:innen und jungen Menschen selbst wird das Ziel verfolgt, sichtbar zu machen, wie Verfahren der Medikamentenvergabe in der stationären Kinder- und Jugendhilfe organisiert sind, wer bei der Entscheidung involviert ist und wie die Rechte von Kindern und Jugendlichen umgesetzt werden (können).
Das Projekt zielt darauf ab transferfähige Qualitätsstandards für die alltägliche Verfahrenspraxis zu entwickeln, die in der multiprofessionellen Praxis der Medikation junger Menschen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe handlungsleitend sein können. Diese Qualitätsstandards werden so kinder- und jugendgerecht und in einfacher Sprache aufbereitet, dass sie den jungen Menschen unmittelbar in Einrichtungen und Pflegefamilien zugänglich werden. Das Wissen soll zudem in zwei digitalen Fortbildungen an die beteiligten Fachkräfte weitergegeben werden.
Zunächst kann und muss festgehalten werden, dass Medikamente in der Kinder- und Jugendhilfe allgegenwärtig sind. Auch wenn unser Projekt qualitativ ausgerichtet war und keine Aussage mit quantitativen Anspruch ermöglicht, so wird doch deutlich, dass Medikamente auf vielfältige Art und Weise in den Alltag der Kinder- und Jugendhilfe integriert sind. Eine Aufmerksamkeit dafür wurde uns vielfach als dringend notwendig zurückgemeldet. Auch und insbesondere die jungen Menschen sind mit Medikamenten beschäftigt und die in der Kinder- und Jugendhilfe gemachten Erfahrungen wirken auch über die dortige Zeit hinaus.
Die Ergebnisse aus dem Projekt legen nahe, dass die Auseinandersetzung aus einer pädagogischen Perspektive bislang vor allem aufgrund einer Delegation von Verantwortung an Medizin und Recht beschränkt war. Medikamente werden als ein von der Medizin eindeutig und wenig verhandelbares Mittel zur Wiederherstellung von Gesundheit wahrgenommen. Zugleich ist der Umgang mit Medikamenten rechtlich stark normiert (z.B. Aufbewahrungs- und Dokumentationspflichten). In der Folge konnte bislang kaum eine pädagogische Handlungsdimension wahrgenommen werden. Gleichwohl erweist sich die Verantwortungsdelegation in der Praxis immer wieder als begrenzt, weshalb ein zentrales Ergebnis des Projekts darin besteht, auf die Verantwortungsgemeinschaft hinzuweisen. Nur durch ein gemeinsames Hinschauen kann es gelingen, die Rechte der jungen Menschen einzulösen.
Und schließlich lässt sich herausarbeiten, dass diese Verantwortungsgemeinschaft nicht nur disziplinübergreifend und intersektoral bedeutsam ist, sondern erst dadurch ein gemeinsamer Fokus entstehen kann, wenn die jungen Menschen mit ihren Perspektiven im Zentrum stehen. Ein kinderrechtsbasierter Umgang mit Medikamenten in der Kinder- und Jugendhilfe kann nur gelingen, wenn die jungen Menschen daran beteiligt sind. Gleichwohl zeigt das Projekt deutlich, dass die jungen Menschen insbesondere als passiv im Prozess der Medikation konstruiert werden. Hier ist von einer Objektivierung der Adressatinnen zu sprechen – z.B. ein Behälter, in welchen das Medikament hineinmuss. Aber auch im Konzept Verhandlung und dem darin existenten Sprechen mit, werden Adressatinnen zwar zu Gegenüber, mit denen gesprochen wird, aber ein tatsächliches Zuhören scheint wenig existent.
Die Kinder- und Jugendhilfe ist also dazu aufgefordert, sich eigenständig fachlich mit Medikamenten auseinanderzusetzen. In den Blick genommen werden sollte z.B., wie Diagnosen und Medikamente an junge Menschen vermittelt und wie die Entwicklung eines selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Gesundheitsbewusstseins gefördert werden kann. Neben den disziplinären Auseinandersetzungen und einer intersektoralen Zusammenarbeit braucht es aber als Grundlage eine vertiefte Kenntnis des Erlebens junger Menschen, um ihre Rechte zukünftig noch besser einlösen zu können.
Downloads:
Das Projektteam ist erreichbar unter: mediju@vormundschaft.net.
Das Projekt wurde durchgeführt von
Dr. Katharina Mangold und Ruth Seyboldt (Referentinnen im Projekt) sowie
Frshta Mahmoudi und Michelle Paulitz (studentische Mitarbeiterinnen)